Abenteuer Jeep
Abenteuer Jeep

Colle delle Finestre /Assietta Kammstraße

5. Oktober 2013

Eine tiefliegende Wolkendecke und dichter Nebel erwarten uns an diesem Morgen. Wir beschließen, über den Collé delle Finestre zu fahren, in der Hoffnung, dass wir über die Wolkengrenze kommen. Von der Bergstraße aus ist der Einstieg in die Assietta Kammstraße möglich, das ist unser eigentliches Ziel.

Direkt hinter unserer Unterkunft in Bastia, einem Ortsteil von Gravere bei Susa, beginnt eine geschotterte Stichstraße, die uns rasch hinüber nach Traverse bringt, von wo aus wir den Einstieg in die Passtraße nehmen. Über zahlreiche geteerte Serpentinen führt die Straße an zahlreichen Edelkastanien vorbei, die stacheligen Früchte liegen im dichten Gras und auf der Straße.

Wir schrauben uns nach oben, durch dichtesten Nebel, teilweise ist die Sichtweite auf wenige Meter begrenzt. Schließlich weicht die geteerte Strecke einem Schotterweg.

Die Bäume wirken im Nebel geisterhaft und weichen den ebenso gespenstisch wirkenden Wiesen. Ein paar Kilometer hinter der Einstiegsstelle setzt auf der geschotterten Straße ein schneller, mit Straßenbereifung ausgestatteter BMW-SUV zum Überholen an, ich fahre kurz rechts ran ... soll er doch. Manche schonen ihr Fahrzeug wirklich nicht, selbst unser für das Gelände ausgelegte Jeep rappelt schon genug bei mittlerer Geschwindigkeit. Nach ein paar Kehren hat der Fahrer wohl doch genug und fährt nicht mehr weiter. Nach dem, was wir am nächsten Tag auf der Kammstraße erleben, wäre das Befahren der Assietta bei dem Wetter für einen SUV ein hohes Risiko gewesen. Dazu aber später mehr. Die Passhöhe liegt in tiefen Nebel, wir lassen uns abwärts über die hier wieder geteerte Fahrbahn rollen.

Auch die andere Seite des Gran Bosco di Salbertrand, wie der Höhenzug heißt, liegt unter dichten Wolken. An der Einfahrt in die Assietta Kammstraße legen wir eine kurze Rast ein. Zwei Schäfer bocken neben unserem Jeep ihren gammeligen Wohnwagen für den Winter auf.

Im langsam aufkommenden Regen umkreisen vier große Hunde unser Fahrzeug. Im Nebel ist das Blöken der Schafe um uns herum zu hören. Wir geben unseren Plan, heute die Assietta Höhenstraße zu befahren schweren Herzens wegen des Sauwetters auf und fahren über Usseaux auf die Landstraße SS23, über die wir den Heimweg antreten.

Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben und wir planen die Assietta für morgen, unseren letzten Tag im Piemont.

 

ASSIETTA KAMMSTRASSE

6. Oktober 2013

Das schlechte Wetter bleibt uns auch an unserem letzten Tag im Piemont treu, nur einige Wolkenlücken machen uns Hoffnung auf besseres Wetter auf den Bergen. Wir beschließen, die letzte „große“ Strecke, die Assietta Kammstraße, die in unseren Führern beschrieben wird, noch einmal in Angriff zu nehmen. Diesmal wollen wir die Route von der anderen Richtung her befahren, die geteerte Auffahrt über den Collé delle Finestre ist für den Offroader eher langweilig.

Hinter Sestrière biegt die Auffahrt auf den ersten Gipfel der Höhenstrecke ein, einige Sonnenstrahlen vergolden uns die Auffahrt auf den Col Basset. Rundherum sind die Matten bedeckt mit Blaubeersträuchern, die sich in ihren rötlichen Herbstfarben präsentieren. Der Weg ist angenehm geschottert, bietet schöne Ausblicke hinunter ins Tal von Sestrière. Aber schnell genug schließen sich die Wolken um uns, die Täler liegen verborgen unter tief liegenden Wolkenfeldern, über uns hat sich eine hohe Wolkenschicht geschlossen.

Die Berge zeigen ihr ungemütliches Gesicht, wirken abweisend und es fängt mal wieder leicht zu regnen an. Dafür läd uns die einfach zu befahrende Straße ein, den Weg auch bei schlechtem Wetter zu riskieren. Wir biegen bei einer Hütte ab und folgen der Kammstraße.

Ein Seitenweg am Col le Costa Piana verlockt uns, uns ein wenig Offroad-Feeling estra zu gönnen, und so und klettern wir über die ausgefahrenen, matschigen Serpentinen hinauf hinauf auf den Grat. Aber auch der Blick ins Susatal wird uns vom Wetter nicht gestattet.

Aus zeitlichen Gründen geben wir die Weiterfahrt auf der Seitenstraße am Grat Richtung Susa auf, da wir noch den ganzen Rest der Assietta vor uns haben.

Die Strecke führt immer wieder über den Grat des Höhenrückens, wechselt von der Seite des Sestrière-Tals zum Susa-Tal hinüber und zurück. Der Blick von hier oben müsste atemberaubend schön sein – wenn es denn was zu sehen gäbe.  Schließlich erreichen wir Testa di Mottas. Tief unter uns sehen wir die Ruinen des alten Fort M. Gran Costa liegen. Unterhalb der Hauptroute liegt eine Schutzhütte, dort halten wir an einem matschigen Teich kurz an. Bei dem Wetter vergeht uns allerdings die Lust auf einen Spaziergang, die Stichstraße hinunter zum Fort ist gesperrt, also setzen wir unsere Fahrt auf der Kammstraße fort. Wenig später erreichen wir den Nationalpark Gran Bosco di Salbertrand. Wir setzen die Fahrt fort, es beginnt jetzt endgültig zu regnen, Wiesen und Matten und gewaltige Felsbrocken säumen unseren Weg. Der Zustand der Piste verschlechtert sich zusehends – an einer Stelle hat der Regen der letzten Tage den geschotterten Untergrund in ein Schlammfeld verwandelt. Hier hat der Jeep endlich Gelegenheit, sein Können auszuspielen und Allrad und Untersetzung machen wieder Sinn.

Ein führerloser SUV steht am Rand geparkt. Ob dem Fahrer die Schlammlöcher wohl nicht geheuer waren? Souverän arbeiten sich die grobstolligen Reifen durch die ersten tiefen Pfützen und die heimtückisch glitschigen Spurrillen, bis uns an einer Stelle ein so tiefes Schlammloch überrascht, dass beide Differentiale Kontakt mit dem zum Glück weichen Boden haben.

Wir befinden uns etwa in der Mitte der über 30 Kilometer langen Kammstraße, fremde Hilfe wäre wegen des schlechten Wetters kaum zu erwarten, die Assietta war an diesem Tag wie ausgestorben. Bloß jetzt nicht stecken bleiben heißt die Devise, denn ohne Seilwinde sind solchen Passagen immer ein Risiko.

Aber ein gleichmäßiges Tempo und achtsames Manövrieren bugsierte uns wohlbehalten durch die ungewissen und teilweise knietiefen Matschlöcher. Auf Fotos von dieser Passage verzichten wir allerdings: Das Anhalten während der Durchfahrt ist nicht ratsam.

Geschafft! Wir erreichen unterhalb des Testa dell Assietta (2547 Meter) den höchsten Punkt der Straße ­– gerne würden wir hier aussteigen und den kurzen Aufstieg zum Gipfel mit dem Monolithen machen. Aber es regnet immer stärker, und  nasskalte Temperaturen um 6° C überzeugen uns, keinen Fußmarsch mehr zu unternehmen. Hier beginnt ein in wirklich extrem steiles Gelände gebautes Straßenstück, neben der Straße fällt der Berg hunderte Meter tief senkrecht ab. Wieder bedauern wir, dass uns das Wetter keinen Ausblick ins Tal gewährt.

Am letzten Teilstück schrauben wir uns gleichmäßig immer tiefer ins Tal. Nach etlichen ereignislosen Kilometern gelangen wir in der Nähe von Usseaux wieder auf die geteerte Straße, die uns über den uns bereits bekannten Colle delle Finestre zurück ins Susatal bringt, wo wir unsere „Basisstation“ aufgeschlagen haben.

Am nächsten Morgen liegen die Gipfel der Assietta unter einer Schneedecke, in wenigen Tage wird die Kammstraße für die Wintermonate gesperrt. Wir packen unsere Koffer und machen uns auf nach Hause, nach Deutschland.

Fazit: Offroadspass nur bei Regen ordentlich, Landschaft bei gutem Wetter traumhaft, bei Regen und Nebel schlecht.